Hü-Basel

                                                         


                                                                                           "Gesellschaftliche Ansehen": "Phaethon"-Kutsche beim Basler Kutschenmuseum

 Zeit-Zeuge Kutschenmuseum: Als Mobilität noch ein wahrer Luxus war

Basel war ein bedeutendes Zentrum des Kutschenbaus. Die zahlungskräftige Kundschaft stammte vorwiegend aus dem "Daig"


Von MATTHIAS BRUNNER


In Basel befindet sich die grösste öffentlich zugängliche Kutschensammlung der Schweiz. Dies ist kein Zufall: Im 19. Jahrhundert war die Stadt berühmt für ihre Kutschen-Manufakturen, die weitgehend von der Hautevolee lebten. In dem kleinen, aber feinen Museum sind einige seltene Trouvaillen zu sehen.


Für manche Zeitgenossen – es sind tatsächlich vorwiegend die männlichen Exemplare – gilt das Automobil als Prestigeobjekt schlechthin. Wenn sie die Pferdestärken des Motors ihres heissgeliebten Fahrzeuges aufheulen lassen, stärkt dies vielen das Selbstwertgefühl. In früheren Zeiten war dies kaum anders. Bloss reichten im 19. Jahrhundert dafür ein bis vier – vergleichsweise leise – Pferdestärken aus, um damit sein Umfeld zu beeindrucken.

Allerdings waren es zu jener Zeit tatsächlich lebendige Vierbeiner, welche die kostbaren Kutschen zogen. Doch das gesellschaftliche Ansehen stieg dadurch ungleich höher. Denn wer sich ein eigenes Gespann leisten konnte, durfte sich zur hauchdünnen Oberschicht zählen.

Basel als Zentrum des Kutschenbaus

Nicht zufällig galt Basel ab etwa 1850 bis in die 1920er Jahre als Hochburg des eleganten Kutschenbaus. In den bekannten Kutschen-Manufakturen wie "Reinbold & Christé", "Heimburger" oder "König" wurden die schicken Gefährte zusammengebaut.

Für den Warentransport in der Stadt ratterten Pferdefuhrwerke sogar noch nach Ende des Zweiten Weltkrieges über das Kopfsteinpflaster: Zügeltransporte, Getränkelieferungen der Brauereien, die Postzustellung oder die Kehrichtabfuhr erfolgten mit Pferdegespannen. Ein reger Güterverkehr herrschte zwischen dem Bahnhof SBB und dem Badischen Bahnhof. Die grösste Fuhrhalterei war damals die Firma Settelen, die heute noch als Transportunternehmen existiert. Erst Jahre später lösten Autos und Lastwagen die Pferde endgültig ab.

Die noblen Herrschaften der angesehenen Familien aus dem Basler "Daig" brachten es dank ihren Seidenbandfabriken, dem Warenhandel, Bankinstituten und später der aufkommenden chemischen und pharmazeutischen Industrie zu beachtlichem materiellem Wohlstand. Somit konnten sie sich die exklusiven Kutschen leisten. Denn jedes dieser Fahrzeuge war eine Einzelanfertigung und hatte einen vergleichsweise exorbitanten Preis.

Eine kleines Vermögen

Die modischen Vorlagen, Musterzeichnungen und Pläne ("Guide de Carrossier") sowie zahlreiche Einzelteile dazu stammten aus Paris, das damals zusammen mit London die elegante Wagenmode in Europa und an der amerikanischen Ostküsteprägte. Bereits eine relativ schlichte, vierplätzige Kutsche mit Klappverdeck kostete um 1890 rund 3'400 Franken – damals ein kleines Vermögen.

Eduard J. Belser (Bild), der Kurator des Basler Kutschenmuseums, stellt dazu einen eindrücklichen Vergleich an: "Ein Textilarbeiter hätte für diesen Gegenwert gegen 10'000 Stunden arbeiten müssen." Hinzu kommt, dass die wohlhabenden Familien in der Regel gleich mehrere solcher Gefährte für ihre unterschiedliche Bedürfnisse in den Remisen neben ihren Villen und Stadthäusern im vornehmen Gellert- oder St. Albanquartier stehen hatten. Dazu kamen noch die entsprechenden Pferde, die natürlich auch möglichst elegant sein mussten.

Einzigartiges Kutschenmuseum

Es ist deshalb wohl kein Zufall, dass dank dieser langen Tradition Basel 1981 das einzige öffentliche Kutschenmuseum in der Schweiz mit einer derart stattlichen Anzahl an Exponaten erhalten hat. Vor den Toren der Stadt mitten im Brüglinger Park ist das kleine, aber feine Museum im restaurierten ehemaligen Kuhstall des Landgutes des berühmten Stiftungsgründers Christoph Merian (1800-1858) untergebracht. Das Kutschenmuseum gehört als einer von vier Standorten zum Historischen Museum Basel.

Die Sammlung nahm schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts durch einige Schenkungen von privater Seite ihren Anfang. Die Dauerausstellung ist von ihrem Umfang her überschaubar, doch befinden sich darunter einige besonders seltene, sorgfältig restaurierte Modelle aus der Blütezeit der Kutschenepoche zwischen 1810 und 1860. "Es sind kostbare Zeugnisse eines hochentwickelten Handwerks von angewandter Kunst und Technik. Die Fahrzeuge dokumentieren aber auch wichtige sozialgeschichtliche Phänomene und verkehrsgeschichtliche Entwicklungen", betont Kurator Belser.

Reisen wie zu Goethes Zeit

Eines wegen seiner Seltenheit bedeutendsten Exponate ist eine Biedermeier-Kalesche, die vermutlich zwischen 1810 und 1815 gebaut wurde. Darin fanden auf relativ engem Platz vier Passagiere Platz. Belser erklärt dazu: "Mit einem sehrähnlichen Reisewagen war schon der Dichterfürst Goethe unterwegs." Auf diese Weise bereiste das Multitalent auch Italien, worüber er ein Buch schrieb.

Zur Verfügung standen Kutschen für die unterschiedlichsten Ansprüche. Zu gesellschaftliche Anlässen wie Konzerten oder Theaterbesuchen liessen sich die feinen Herrschaften standesgemäss von ihrem Kutscher in einem eleganten Coupé vorfahren. Auf der heutigen Schützenmatte fanden Pferderennen statt. Während sich die feine Gesellschaft ihrem Vergnügen hingab, mussten die Kutscher bei den Gespannen warten.

"Dog Carts" für junge Damen

Besonders beliebt bei den jungen Damen waren die leichten, zweirädrigen "Dog Carts", die nur von einem Pferd gezogen wurden. Manchmal fuhren sie jedoch auch mit einem "Tandem", also zwei Pferden, die hintereinander gingen. Diese Anspannungsart erfordert zwar weniger Kraftaufwand, erfordert dafür wesentlich mehr Geschick. Die aus gutem Hause stammende Fanny Clavel war oft mit einem solchen Gespann in der Stadt unterwegs zu sehen.

Ebenfalls ein sogenannter "Selbstfahrer" war der Phaëton (Aufmacherbild oben) – ein sportlicher Wagentyp mit einer komfortablen Sitzbank für den Herrn und seine Begleitung sowie einer spartanischen Sitzgelegenheit für den Kutscher und den sogenannten "Bockdiener" hinten, die der Herrschaft jederzeit zur Verfügung stehen mussten.

Auch die letzte Pferdedroschke von Basel, die noch bis 1934 im Einsatz stand, ist im Museum ausgestellt. Dieser sogenannte Landauer war bereits mit einem mechanischen Taxameter ausgestattet. 

Ein Stelldichein im Schnee

Im Winter vergnügten sich die Sprösslinge der gehobenen Gesellschaft auf ganz spezielle Weise: Sobald eine genügend feste Schneedecke lag, wurden die sportlichen Schlitten hervorgeholt, die jeweils von einem Pferd gezogen wurden. Die Schlitten verfügten nur über einen schmalen Platz für die angebetete Dame, mit einem kleinen Notsitz dahinter für den Fahrer. Etwa sechs bis sieben solcher Ausfahrten waren im Winter aufgrund der Wetterbedingungen möglich. "Es waren Anlässe, zum Sehen und Gesehen werden", sagt Belser – und wohl auch aus einem andern Grund: damit sich dich Geschlechter behutsam etwas näher kommen konnten.

Ein besonders kostbares Schlitten-Modell beherbergt das Kutschenmuseum. Der Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz liess um 1710 von seinem flämisch-holländischen Hofbildhauer Gabriel di Grupello einen prunkvollen, barocken Figurenschlitten anfertigen. An der Vorderseite thront eine Skulptur von Diana, der Göttin der Jagd, begleitet von weiteren Figuren aus der antiken Mythologie.

Beinahe drohte dem Kutschenmuseum wegen Sparmassnahmen des Kantons Basel-Stadt die Schliessung auf Ende September letzten Jahres. Doch im letzten Moment sicherte ein betagter, anonymer Mäzen mit einer grosszügigen Spende von rund einer Viertelmillion Franken den vorläufigen Weiterbetrieb für zumindest die nächsten drei Jahre.

Service:
Öffnungszeiten: Mittwoch, Samstag und Sonntag 14 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Öffentliche Führungen gemäss Quartalsprogramm, Führungen für Gruppen auch ausserhalb der Öffnungszeiten auf Anfrage. Telefon 061 205 86 00.

Für weitere Informationen: www.hü-basel.ch

1. März 2013


FÖRDERVEREIN


mb. Unter dem Namen "Hü Basel – die Freunde des Basler Kutschenmuseums" wurde im letzten Herbst ein Förderverein aus der Taufe gehoben. Die Gründungsmitglieder setzen sich aus einer illusteren Gruppe von begeisterten Kutschenliebhabern aus der Region Basel zusammen, der auch Marie-Paul Jungblut, die Direktorin des Historischen Museums Basel, angehört.

Hauptziel des Vereins ist es, die langfristige Zukunft des Museums zu sichern. Wie Vereinspräsident Nicolas Lüscher betont, steht dabei nicht allein die finanzielle Unterstützung im Fokus: "Wir möchten mit diversen Aktivitäten dazu beitragen, das Interesse an der Kutschenkultur in der Öffentlichkeit zu wecken." So soll dem Kutschenmuseum künftig neues Leben eingehaucht werden.